Unser Tipp der Woche

Pierre Bayard: Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist. Verlag Antje Kunstmann 2013, 25.90 CHF

Wer auf Partys mit Geschichten von Reisen in exotische Länder auftrumpfen kann, hat schon gewonnen. Aber muss man dafür unbedingt dort gewesen sein? Keineswegs, meint Pierre Bayard, der uns schon mit seinem Bestseller »Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat« vergnüglich das Leben erleichterte. Wie fürs Plaudern über Ungelesenes gibt es auch für das entspannte Sprechen über nicht besuchte Orte berühmte Vorbilder: Karl May hat Winnetous Wilden Westen nie gesehen; Marco Polo, der angeblich jahrelang in China lebte, füllte sein Buch mit Fabelwesen. Selbst Jules Vernes Romanfigur Phileas Fogg trägt ein enzyklopädisches Wissen über die Welt zur Schau, die er in 80 Tagen wie im Blindflug umkreist hat. Auch Journalisten, Philosophen und Wissenschaftler schwadronierten munter über Erlebnisse aus zweiter Hand: Kant hob die Welt aus den Angeln, ohne KÖnigsberg zu verlassen; Margaret Mead stellte mit weitgehend fiktiven Berichten über das Sexualleben auf Samoa die Anthropologie auf den Kopf. Bayards hÖchst unterhaltsame Typologie des Nichtreisens singt das Lob des sesshaften Reisenden: prak­tische Lebenshilfe für alle, die lieber zu Hause bleiben und trotzdem mitreden wollen.

Walter Kunz: Waltis Beizenführer 2013

In der Ausgabe 2013 von Waltis Beizenführer sind 154 Restaurants in der Stadt Zürich und 136 Gastrobetriebe in der Region beurteilt worden. Das Zürcher Oberland und die beiden Zürichsee-Ufer sind gut vertreten.
Es geht auch im neuen Beizenführer nicht darum, die von Hochglanz-Gastrokritiken bejubelten Betriebe noch zusätzlich zu beurteilen. Nein, viel lieber werden weniger bekannte Beizen, zum Teil noch echte Geheimtipps, der Leserschaft präsentiert.
Hauptgewicht wird auf Gastfreundschaft, Freundlichkeit, Sauberkeit und Echtheit gelegt. Walter Kunz und sein Co-Autor und Rechtsanwalt Dr. Balz Hösly besuchen übers Jahr unzählige Betriebe. Sie zahlen ihre Zeche selber und lassen sich weder durch Einladungen, Inserate-Aufträge und andere Nettigkeiten beeinflussen. Darum ist ihre Beurteilung immer neutral, direkt, ehrlich und vor allem sehr persönlich. Davon profitieren nicht nur die Gastronomen, weil sie Gelegenheit erhalten, gewisse Missstände zu beheben oder den gelobten hohen Standard ihres Unternehmens zu halten. Auch Sie als Gast werden spüren können, dass die Leute von WALTIS BEIZENFÜHRER hier aktiv waren.

Daniel Kampa (Hg.): Lesewetter-Geschichten. Diogenes 2013, 14.90 CHF

Wenn Regentropfen gegen die Scheiben prasseln, der Wind in den Bäumen heult, der Frost klirrt, sollte man schnellstens eine Kanne Tee aufbrühen, sich einen bequemen Sessel mit vielen Kissen suchen, die Leselampe einschalten und … lesen. Aber es muss nicht immer ein dicker russischer Roman sein. In den hier versammelten Erzählungen stürmt, regnet und schneit es zwar zuweilen, aber dennoch wärmen sie alle das Herz. So bekannte und beliebte Autoren wie Carson McCullers, Bernhard Schlink, Jakob Arjouni oder Judith Hermann sorgen dafür, dass Sie beim Lesen nicht im Regen stehen bleiben, vom Winde verweht werden oder in eine Schneewehe geraten.

Eowyn Ivey: Das Schneemädchen. Kindler 2012. 28.50 CHF

Das kinderlose Ehepaar Mabel und Jack flieht nach Alaska, um dort zur Ruhe zu kommen. Das neue Leben ist beschwerlich und vor allem die Winter sind lang und kalt. Da erscheint das märchenhafte Schneemädchen Faina und stellt ihr Leben auf den Kopf. Ein literarisches, modernes Märchen und eine wunderbare Winterlektüre!

Schweizer Buchpreis 2012 – Die Nominierten

Am Sonntag, 11. November, findet die Verleihung des Schweizer Buchpreises 2012 statt. Nominiert sind:

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben. Hanser 2012, 29.90 CHF. Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Und doch bleibt Toto wie unberührt. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung – das Wiedersehen mit Kasimir und sein einziges Talent: das Singen. Es führt Toto bis nach Paris. Ein wütender, schriller Roman einer großen Autorin über das Einzige im Leben, was zählt.

Ursula Fricker: Ausser sich. Rotpunktverlag 2012, 29.00 CHF. Sommer in Berlin – gern hätten Katja und Sebastian den Samstag mit Nichtstun verbracht. Aber das Wochenende ist, wie so vieles im Leben des Architektenpaares, verplant. Auf der Fahrt zu Freunden nach Mecklenburg passiert es: Sebastian erleidet einen Schlaganfall. Der Intensivmedizin gelingt es, ihn am Leben zu halten – fragt sich nur, zu welchem Preis?

Peter von Matt: Das Kalb vor der Gotthardpost. Hanser 2012, 29.90 CHF. Peter von Matt liebt die Schweiz, ein Land zwischen Idylle und Globalisierung, zwischen alpiner Tradition und Hightech-Tunnel. Reich an Bildern und Weisheit, mit Witz und kämpferischer Vehemenz wirft er aber auch einen kritischen Blick auf die Gesellschaft: Auf ihren schludrigen Umgang mit der Sprache oder die Abschottung gegen Einwanderer. Mit deutschen Literaten wie Friedrich Schiller oder Max Frisch im Blick liest er Politik und Landsleuten seiner Heimat die Leviten. Dieses Buch führt uns vor Augen, dass und warum die Beschäftigung mit Literatur mitten ins Herz des Bewusstseins eines jeden Staatsbürgers trifft.

Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Salis Verlag 2012, 34.80 CHF. Der junge orthodoxe Jude Mordechai Wolkenbruch, kurz Motti, hat ein Problem: Die Frauen, die ihm seine mame als Heiratskandidatinnen vorsetzt, sehen alle so aus wie sie. Ganz im Gegensatz zu Laura, seiner adretten Mitstudentin – doch die ist leider eine schikse: Sie trägt Hosen, hat einen hübschen tuches, trinkt Gin Tonic und benutzt ungehörige Ausdrücke. Zweifel befallen Motti: Ist sein vorgezeichneter Weg wirklich der richtige für ihn? Sein Gehorsam gegenüber der mame mit ihren verstörenden Methoden schwindet. Dafür wächst seine Leidenschaft für Laura. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Und Motti kann schon recht bald einen Schluss ziehen: Auch schiksn haben nicht alle Tassen im Schrank.

Alain Claude Sulzer: Aus den Fugen. Verlag Galiani Berlin, 27.50 CHF. Dieses Konzert wird ihr Leben verändern! Ein grandioser polyphoner Roman über die bizarren Wendungen des Schicksals, über den Zufall und die unvermutete Eingebung, etwas zu ändern. Die plötzliche Stille ist lauter als ein Paukenschlag: Mitten in einer atemberaubenden Interpretation der Hammerklaviersonate bricht der international gefeierte Starpianist Marek Olsberg abrupt sein Spiel ab. Mit den Worten »Das war’s« schließt er den Klavierdeckel und verlässt den Saal.Olsbergs unvorhergesehene Tat wird allerdings nicht nur sein eigenes Leben in neue Bahnen lenken. Er ist eine von vielen Hauptfiguren in Alain Claude Sulzers neuem Roman. Da ist z. B. Olsbergs Agent, der sich mit seinem neuen Freund schon auf dem Weg zur Philharmonie in die Haare bekommt. Da ist Sophie, die erst während des Konzerts begreift, dass ihre letzte Liebe inzwischen mit ihrer Nichte Klara angebändelt hat, und die sich deswegen ein Gläschen zu viel gönnt. Da ist Esther, die ihre frisch geschiedene Freundin mit dem Olsberg-Konzert aufmuntern will und die bei der außerplanmäßig frühen Rückkehr vom Konzert bemerken muss, dass ihr Mann nicht daheim ist. Dafür aber sein Handy mit einer befremdlichen Nachricht seiner Assistentin Sabine … Alain Claude Sulzer gelingt ein bewegender Roman, in dem sich auf engstem Raum eine Fülle menschlicher Schicksale entfaltet.

Ursula Bauer: Wandern in der Stadt Zürich. Rotpunktverlag 2012. 39.00 Fr.

Die passionierten Bergwanderer Ursula Bauer, Jürg Frischknecht und Marco Volken schnüren die Wanderschuhe für einmal in der Stadt. Sie haben Zürich von Nord nach Süd und von Ost nach West durchstreift, dabei die Stadt, in der sie seit Jahrzehnten zu Hause sind, neu entdeckt. In drei- bis fünfstündigen Wanderungen erschließen sie ein überraschendes Wanderparadies: Da wo Zürich am grünsten ist – auf dem Üetliberg und im Werenbachtobel, an der Sihl und am Zürichhorn. Wo Zürich am farbigsten ist – in den Rebbergen und botanischen Gärten, im Tropenhaus und in der Masoala-Halle. Wo Hügel zu Hügelchen werden – vom Entlisberg zum Lindenhof. Wo auf Industriebrachen das urbane Zürich boomt – vom Prime Tower bis zu den Freitagstaschen in Neu-Oerlikon, vom Google-Sitz bis zum Schiffbau. Wo Zürich am sonnigsten ist – vom Dolder Grand zu Vrenelisgärtli. Wo man im Wolfswinkel und im »Kleeblatt« schläft – die Gartenstadt Schwamendingen und das ehemalige Bauerndorf Affoltern. Wo sich die Katzen Gute Nacht sagen – am Katzenbach, am Katzensee und am Büsisee. Wo man auch in Wanderschuhen einkehren kann: vom Muggenbühl zum Adlisberg. Es darf auch flaniert werden, wo schon Gottfried Keller und James Joyce promenierten – im Platzspitz und am See.

Donna Leon: Reiches Erbe. Commissario Brunettis 20. Fall. Diogenes 2012, 38.90 CHF

Herzversagen – das diagnostiziert der penible Pathologe Rizzardi beim Tod von Signora Altavilla. Kein Fall für Brunetti mithin? Der Commissario traut dem Frieden nicht. Wer sucht, der findet …

Zum grossen Brunetti-Jubiläum hat der Diogenes Verlag alle 20. Fälle in einer attraktiven Geschenkausgabe neu aufgelegt. Diese finden Sie natürlich bei uns im Bücherparadies!

Miklos Vajda: Mutterbild in amerikanischem Rahmen, Braumüller Literaturverlag 2012, 31.50 CHF

Ein liebevolles Portrait der Mutter, zugleich von historischer Vielfalt. Die ganze ungarische Geschichte ab 1940 bis heute wird, ohne anklagend zu sein, aufgezeigt. Trotz der vielen Fakten ein Roman mit Fluss, vergleichbar mit “Tauben fliegen auf”. Sehr schöne Sprache!

Hernan Rivera Letelier: Der Traumkicker. Insel 2012. 25.90 CHF

Der Salpetersiedlung Coya Sur in der chilenischen Atacama-Wüste steht das Ende der Welt bevor; die Mine schließt, und die Siedlung wird aufgegeben. Doch ehe es soweit ist, muss am nächsten Sonntag das Fußballspiel gegen den Nachbarort María Elena gewonnen werden. Die allerletzte Chance, den Erzrivalen nach Jahren schmachvoller Niederlagen endlich zu schlagen. Die Wetten könnten kaum schlechter stehen, aber dann taucht im Ort ein Mann auf, der mit seinen Fähigkeiten am Ball alles möglich erscheinen läßt. »Der Traumkicker« ist ein Roman über Freundschaft und Verlust und die komischen Seiten der Tragik. Eine bunte Truppe fußballbesessener Männer und Frauen stemmt sich gegen die Tristesse des Faktischen und kämpft mit charmantem Einfallsreichtum für die Verwirklichung ihres Traums.

Lisa-Maria Seydlitz: Sommertöchter. Dumont-Verlag 2012. 27.50 CHF

Durch einen anonymen Brief erfährt Juno von ihrem Erbe: ein Fischerhaus in der Bretagne. Aber wider Erwarten ist sie nicht die Einzige, die sich für das Haus interessiert. Die französische Kellnerin Julie hat sich dort eingenistet, und auch Jan, ein Architekt aus Deutschland, ist oft zu Besuch. Acht Jahre nach dem Tod ihres Vaters eröffnet sich für Juno ein neuer Blick in die Vergangenheit. Die Reise in die Bretagne wird für sie zu einer Reise in ihre Familiengeschichte. In eine Kindheit, in der sie glücklich war und mit ihren Eltern ein scheinbar idyllisches Vorstadtleben geführt hat. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem alles anders wurde. >Sommertöchter< ist ein Roman gegen das Alleinsein. Lisa-Maria Seydlitz nimmt ihre Leser mit in einen Sommer, in dem man traurig sein darf und Trost erhält. Sie erzählt davon, wie es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren und ein neues Leben zu gewinnen.